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Mein Russlandmenetekel

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Die Ausreise aus Kasachstan verlief ohne besondere Vorkommnisse und war in einer halben Stunde absolviert. Zwischen beiden Grenzposten liegt 3 km Niemandsland.

Niemansland zwischen Kasachstan und Russland. Hintergrund Grenzstation Russland.

Beim ersten Grenzposten füllte ich eine Registration-Karte aus als zusätzliches Dokument und wurde dann in die wartende Autoschlange eingewiesen. Als ich nach ca. einer halben Stunde Wartens an die Reihe kam zur Abfertigung, machte der Zollbeamte mir deutlich zu warten. Er verschwand dann in das vorn liegende Paßkontrollhäuschen und nach wenigen Minuten winkte er mich heran. Ich stieg aus und zeigte dem freundlich lächelnd dreinblickenden Grenzbeamten meinen Paß und den Kfz-Schein. Er blätterte mehrmals meinen Paß von vorne bis hinten durch und dann griff er zum Telefonhörer. Kurz darauf setzte er seine Dieenstmütze auf und kam aus seinem Häuschen und meinte, es gebe Probleme mit der Visanummer, ich solle im Auto warten. Nach ca. 15 Minuten meinte der Zollbeamte, ich solle mit dem Auto vorfahren und auf einer Sperrfläche in der Sonne warten. Ich fuhr also aus dem überdachten Abfertigungsbereich heraus und stellte mich weisungsgemäß mit dem Auto in die Sonne. Zwei Dinge fielen mir dabei ein: Zum Einen die Information, daß ukrainische und russische Grenzbeamte ein speed-up money benötigen um die Abfertigung in Gang zu setzen und dann noch eine Aussage von W. Putin in einer anderen Sache, daß die Leute geeignete Methoden erlernt hätten. Ich überlegte mir Plan B und Plan C, öffnete beide Fenster zur Hälfte, sodaß der Wind etwas Kühlung verschaffte und dachte, die Zeit mit dem Nachholen von Schlaf zu überbrücken. Nach über zwei Stunden kam der Grenzbeamte an mein Auto und meinte, nun sei alles in Ordnung, die Einreise abgestempelt und ich könne losfahren. Losfahren ohne , daß das Fahrzeug vom Zoll kontrolliert worden war, erschien mir recht ungewöhnlich, dann bemerkte ich, daß die Registration-Karte fehlte. Diese ist für die Ausreise erforderlich. Ich setzte dem Beamten nach und fragte nach der Karte, er verweigerte mir jedoch die Karte und ich fuhr ohne diese los. Ziel heute war die Großstadt Saratow ca. 360 km von der Grenze entfernt. Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse erreichte ich Saratow erst nach 6 h gegen 17 Uhr.

Im Hotel Aviator machte mir die Dame klar, daß keine Kreditkarte und keine Euros zur Zahlung akzeptiert werden können und die einzige Möglichkeit wäre zur Sberbank zu fahren, die Abhebungen in Rubel ermöglicht. Die nächste von zwei Banken war 18 km entfernt und so fuhr ich umgehend los. Ich erreichte die Sberbank in dem Moment wo eine Mitarbeiterin gerade dabei war, die Tür hinter der hinausgehenden Kundin zu schließen. Es war eine Minute vor 18 Uhr am Freitagabend und die Mitarbeiterin hatte kein Erbarmen mit meinem Geldwunsch. Die zweite Sperbank war in knapp 5 km zu erreichen, also versuchte ich es dort. Diese Bank hatte einen Vorraum und tatsächlich hier gabe es Terminals. Am ersten Terminal meldete das System, daß keine Barauszahlungen heute mehr möglich sind, also versuchte ich es am nächsten und es hat tatsächlich geklappt, Ich hatte meine Rubel für das Hotel, für Essen und für das Tanken am nächsten Tag.

Das Besorgen von Geld brachte mir die Stadt näher, die offensichtlich nicht auf einer Planungsgrundlage konzipiert worden war, sondern in den Jahren einfach nur gewachsen war. So wechselten sich Wohnblocks mit Industriekomplexen ab, 4-spurige Straßen münden in Einbahnstraßen, alte Holzhäuser dem Zerfall nahe und eine hoch die Wolga überspannende Brücke.

 

Alter Holzhaus in Saratow.

Alte Steinvilla in Saratow.

Ich war mehr als 3 Stunden unterwegs und war froh, daß sich meine Hotelgastgeberin so fürsorglich um die Formalitäten ohne Registerkarte kümmerte. Sie schrieb auf einem Blatt in russisch und auf deutsch ihre Fragen und an was ich alles denken bzw. zu berücksichtigen hätte.

Frühstück gab es ab 7 Uhr und als ich mich kurz nach 7 Uhr an den Tisch setzen wollte, zeigte sich meine Gastgeberin sehr überrascht und zeigte auf die Uhr, es war kurz nach 6 Uhr in der Früh. Mein Fehler war, auf dem “Weck-iPhone” war Tashkentzeit, auf meinem zweiten iPhone die aktualisierte russische Zeit. So hatte ich dann Frühstück um 6.30 Uhr was mir sehr gelegen kam.

Frühstückstisch im Hotel Aviator.

Ich verabschiedete mich nach dem Frühstück und das heutige Ziel war die ukrainische Grenze ca. 900 km entfernt und veranschlagte 10 h Fahrtzeit.

Brücke über die Wolga in Saratow.

Bei der Stadtausfahrt, die über eine Stunde dauerte, ich mußte quasi von Ost nach West, hörte ich den Song von Bob Dylan: “How many roads must a man walk down before you call him a man…”

Die Strecke führte über die Großstadt Woronesch, die ich umfuhr und dann über Kursk. Die Landschaften wechselten ständig von Flachland über hügelige Formen, Wälder und Seen und viel Landwirtschaft. Außer den Großstädten führte die Straße dann durch kleine Dörfer, kleinmaßstäbliche Städte fehlten jedoch, es gibt nur Dorf oder Großstadt. Die Fahrt verlief zügig, entgegenkommende Autofahren machten rechtzeitig auf die zahlreichen Radarmessungen am Straßenrand aufmerksam.

Orthodoxe Dorfkirche in der Nähe von Woronesch.

Seenlandschaft um Kursk.

Nach Kasachstan hatte sich das prägende Bild von Russland als europäisch vergleichbar bestimmt. Es fehlte mir der Blick für das Neue, stattdessen erlebte ich das “unentdeckte” oder einfach ausgedrückt das “nicht bekannte”.

So ist dann die russische Grenzstation in Kozino als modern zu bezeichnen. Die Abfertigung verlief sehr höflich, der Zollbeamte sprach ein gutes gebrochenes Deutsch und ich rechnete mir schon aus, wann ich in Kiew ankommen werde. Dann kam die Paßkontrolle, die Frage nach der Registerkarte, die ich verneinte und dann wurde plötzlich von der Grenzbeamtin zum Telefon gegriffen. Wenige Minuten später erschien ein Grenzbeamter mit 3 goldenen Sternen auf den Schulterstücken und erklärte mir in einem gebrochenen Deutsch, mit meinem Paß sei etwas nicht in Ordnung und ich solle ihm folgen. Wir gingen in sein Büro und er erklärte mir weiter, daß ich kein gültige Visum hätte.

Wie kann das sein, in Tashkent war alles in Ordnung, das Visum war gültig, ansonsten hätte ich ja nicht einreisen können und nun soll das Visum nicht gültig sein. Es ist über Sprechfunk kommuniziert worden und mehrmals telefoniert worden, dann erschien ein weiterer Beamte der sich mir als Iwan vorstellte. Er klärte mich auf englisch auf, daß das Visum auf einen Reisepass mit der Endnummer 6 ausgestellt sei, mein Reisepass hat jedoch die Endnummer 9. Insofern stimmten Visum und Reisepassnummer nicht zusammen. Ich hatte also tatsächlich kein Visum, auf das mein Reisepass abgestimmt war. Es wäre alles jedoch kein Problem wurde mir erklärt, der Botschafter in Tashkent müsse für die Lösung sorgen. Zurück nach Tashkent und ein neues Transitvisum zu besorgen, der Gedanke machte mich schwindelig. Ich möge mich aber etwas gedulden bis die Sachlage geklärt wäre.

Nach einer Stunde des Wartens wurde mir deutlcih gemacht, daß ich besser im Auto das Weitere abwarten solle, was ich nicht als eine positive Nachricht wertete.

Dann, die Sonne war bereits untergegangen, kamen die beiden Grenzbeamten nach weiteren zwei Stunden und erklärten mir freudestrahlend, nun sei alles in Ordnung und ich könne weiterfahren. Iwan erwähnte noch, daß ich bei meinem nächsten Besuch unbedingt die schöne Stadt Kursk mir anschauen müsse, was ich ihm auch versprach.

 

 

 

3 thoughts on “Mein Russlandmenetekel”

  1. Tobago 14 sagt:

    Was hinterlassen all die Hindernisse, die man auch verarbeiten muss!
    Die ganze Reise ist ein Abenteuer-Urlaub. Ich wünsche Ihnen für den restlichen Verlauf viel Glück.

  2. harald.list sagt:

    Muss eine beschissene Wartezeit im Auto gewesen sein…

    1. War es, aber der Sonnenuntergang war schön.

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